Das Abenteuer beginnt,
ein Buch entsteht


Fünf unerschrockene Autorinnen und Autoren, fünf russische Motorradgespanne, 30.000 km, zwei Jahre, ein ungewöhnliches Buchprojekt.

Unser Autorenteam befindet sich auf einem der ungewöhnlichsten Motorradabenteuer: auf dem Landweg nach New York. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die unerschrockenen Fahrerinnen und Fahrer, sondern auch deren 650er Uralmotorräder aus den 80er und 90er Jahren.

»Unser Anspruch besteht nicht darin, uns mit dem modernsten Expeditions-Equipment auszustatten, um für jede Situation vorab gewappnet zu sein. Viel mehr sehen wir als wichtigen Aspekt unserer Reiseplanung, dass wir uns auf der Route den jeweiligen regionalen Veränderungen und Gegebenheiten anpassen. Das bedeutet, dass wir unsere Kleidung, die Ausstattung und notwendige Umbauten an den Maschinen in Anlehnung an die Ratschläge der Einheimischen und deren Mittel ändern, vornehmen bzw. vor Ort neu beschaffen werden«, stellen Elisabeth, Lisa, Anne, Johannes und Sven klar.

Am Ende – und es ist ganz egal, ob die fünf es tatsächlich schaffen, zusammen mit den Motorrädern in New York einzulaufen – wird es einen spannenden und umfangreichen Bild- und Textband geben. Bei uns, bei Monsenstein & Vannerdat.
voraussichtlicher Erscheinungstermin 2017

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Blog (Blog von M. Kruppe)
 


Ein Bericht von Tom van Endert,
Edition Monsenstein und Vannerdat


7.9.2014: Es geht los

Pünktlich um 15:00 Uhr stehen alle fünf Gespanne mehr schlecht als recht bepackt vor dem Basislager in Halle/Saale. Bis fünf Minuten vor Abfahrt wurde noch geschraubt: Wackelkontakte beseitigen, Vergaser einstellen. Kleinkram eben. Unsere Edition überreicht noch schnell wärmende Funktionswäsche für die kühleren Passagen. Die Zuschauermenge winkt, es geht los. Und im Schlepptau unser Spezial-Expeditions-Truck, der treue Steyr 680MF.
Die ersten 120 Kilometer verlaufen problemlos. Zwischendurch ein Fototermin an einer Tankstelle. Abends großes Beisammensein und die Verabschiedung von Eltern und engen Freunden.



Zwei Autoren mit viel Erfahrung im Reisen mit (nach landläufiger Meinung) ungeeigneten Fahrzeugen: Johannes auf seiner Ural verabschiedet sich von Joseph, der bereits mit der »Moped-Gang« auf Tour war.



Johannes (Ural 8.103-10), Elisabeth (Ural 8.103-40), Sven (8.103-10), Anne (8.103-40) und Lisa (8.103-10). Im Hintergrund unser Verlags-Mobil (die alte Karre in der Mitte)


9.9.2014: Kilometer 150

Gestern ging es nur schleppend voran. Der Morgen wurde zum Justieren der Gestänge zwischen Motorrad und Beiwagen genutzt – das hohe Gewicht des Gepäck verändert das Fahrverhalten kolossal.
Annes Benzinhahn verstopft ständig – im Tank sind noch Reste der inneren Lackierung, die den Sprit nicht verträgt. Abends Rast an einem Stausee. Lagerfeuer, Bier. Johannes schläft im Beiwagen!), der Rest auf der Pritsche unseres Steyrs. Wir verabschieden uns bei ATU (Benzinfilter kaufen). Ich muss zurück in den Verlag, die anderen nach New York.



Guten Morgen. Im Hintergrund wird bereits Kaffee gekocht. (© Monsenstein und Vannerdat)



Einmal pusten bitte: Der Benzinhahn ist verstopft. (© Monsenstein und Vannerdat)


10.9.2014: ausgerechnet Bayern

Svens Boxer wurde zum Einzylinder. Per Telefon wird überlegt, woran es liegen könnte. Scheinbar hat sich aber nur das Spiel eines Auslassventils verringert. Ob es wirklich daran liegt, kann ich nicht sagen, da keine Telefonverbindung mehr möglich ist. Kein Netz. Bayern eben ...


12.9.2014: Wackelkontakte

Gestern wurde konstant geschraubt und wenig gefahren. Bei Svens und Lisas Urals gibt es große Probleme mit der Lichtmaschine, ständig ist die Batterie leer. So wie es aussieht, handelt es sich um Wackelkontakte in Kabelbaum und Zündschloss. Bei Regensburg gibt es fachkundige Hilfe in einer Motorradwerkstatt. Vergleichsweise lächerlich, dass bei Anne das Rücklicht kaputt ist!


18.9.2014: Ein Motor geht auf Reisen

Neuigkeiten aus Österreich: Die Truppe ist gestern bei Hari Schwaighofer eingetroffen, dem Generalimporteur der heutigen Ural-Gespanne (www.ural.at). Dort gab es nach einigem Hallo erst einmal einen neuen Tank für Annes Motorrad. Wir erinnern uns: Der alte löste sich von innen auf auf und ständig war die Spritzufuhr verklebt. Irgendwie schön, das schwarze Gespann mit dem blauen Tank. Wie einst die rassigen Gilera mit dem roten Tank ...
Dann ging es weiter, die Donau entlang ... bis Svens Motor blockierte. Prognose: Pleuellagerschaden, Kurbelwelle hinüber. Das Ölschleuderblech war lose. Nach erst 750 Kilometern vielleicht eine heftige Schadensbilanz. Aber so ist russische Technik nun einmal. Entweder sie hält ewig oder geht sofort kaputt. Das gehört einfach dazu.
Ersatzteile für die alten 650er werden in Westeuropa langsam knapp. Also muss ein Ausschlachtmotor aus Münster nach Österreich geschickt werden, den wir gestern nacht auf einem dunklen Parkplatz in Coerde »aus dem Kofferraum« gekauft haben. Kein Mensch weiß, ob dieser bis New York hält.



Annes 8.103-40 mit Renntank. Im Hintergrund Hari Schwaighofers Ural-Zentrale (© Leavinghomefunktion)



Eilpost aus Münster: Hoffentlich funktioniert der hier! (© Monsenstein und Vannerdat)


19.9.2014: Hari macht alles heile

Unser Motor ist heil angekommen. Nicht ganz so heil ist er aber von innen und zeigt nach dem Zerlegen deutliche Spuren einers Ölmangels. Auch wenn wir als alte Uralschrauber es nicht so eng sehen mit den Verschleißgrenzen – Hari Schwaighofer ist Perfektionist und zaubert lieber einen »neuen« Motor aus dem Hut, den er aus irgendwelchen Altteilen zusammenbaut. Ganz großes Kino und eine Riesenhilfe für Sven.

28.9.2014: Annes Rooster will nicht mehr

Das Telefon klingelt! Ein Anruf von Anne. Das verheißt sicher nichts Gutes. Und tatsächlich hat sich ein Kolben von Annes Ural verabschiedet.
Der Grund ist schnell erkannt: Eine Zündkerze hat sich gelockert und der Motor zog Nebenluft. Nach etlichen Kilometern – ohne dass dieser kleine Fehler bemerkt wurde – hatte sich dann ein Loch in den Kolben gebrannt. Leider gab es zwar jede Menge aber keinen 100%ig passenden Kolben in der Reservekiste und so wurde flugs eine Größe kleiner eingesetzt. Das klappert vielleicht ein wenig, aber es funktioniert.
 


10.10.2014: Post!

Man macht sich ja doch schon Sorgen, wenn man gar nicht mehr hört! Aber keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Um so mehr freut es mich, dass heute eine Mail im Postkasten liegt. Diese ist so schön, dass ich sie an dieser Stelle ungekürzt wiedergeben möchte:

Mein lieber Herr Verlagsverein – Hallo Tom!

Länger wollte ich dir schon schreiben und dich mit neuen Informationen versorgen, doch es ging nicht. Jetzt wo die »Kinder« aber noch schlafen und das Kaffeewasser kurz vorm Kochen steht, findet sich die Zeit.
Ganz, ganz liebe Grüße von der kompletten Bande aus der Türkei. Wir haben die Schwarzmeerküste endlich erreicht und düsen nun Richtung Georgien – den Herbst im Nacken. Das letzte, was du von uns hörtest, waren glaube ich nur undeutliche Worte wie »Hilfe« und »Kolben« – das war noch in Serbien. Seit dem sind wir weiter entlang der Donau, durch Bulgarien über den Pass und die Serpentinen der Rhodopen, an die Griechische Küste der Ägäis gefahren. Zwei Tage lang sind wir nur Serpentinen gefahren – bergauf-bergab – haben in Wolken geschlafen und grandiose Aussichten genießen können, um dann direkt am Meer anzukommen und baden zu gehen.
Die Maschinen haben sich tapfer geschlagen. Ab und zu wechseln dennoch gewisse Ersatzteile den Besitzer und so hat mein Motorrad Svens altes Getriebe in Serbien erhalten. Die Mutter des Hebels der Gangschaltung hatte sich gelöst. Ansonsten geben sich die Dreiräder bis dato mit Bremsen nachstellen, Öl nachschlagen und vor allem Schrauben nachziehen soweit zufrieden. Nur die Zündungen erregen mittlerweile allseits Aufmerksamkeit. Also setzten wir uns da gleich nach dem Kaffee mal ran. Auch der ein oder andere Blinker hat einen Herzkasper, was wohl mit Lichtmaschine, Regler, Batterie oder sonst-auch-immer-was einhergeht. Geschweißt durfte auch schon werden; Radlager nachstellen; wieder Schrauben festziehen – jeden Tag eigentlich, bei diesen bulgarischen Straßenverhältnissen jenseits von Wien. So haben nun endlich auch die Mädels etwas mehr Zeit, sich ihrem Gefährt zu widmen und etwas über seine detaillierte Funktionsweise zu erlernen.
Es ist großartig, zu fahren, denn das Wetter war uns bisher recht hold. Und auch wenn es hier in den Bergen wieder recht kühl ist, nehmen wir doch einen sehr ausgedehnten Spätsommer in Anspruch. Nun muss ich weiter – unter Tarp raschelt's und der Kaffee muss ran – sonst passiert hier nichts. ;-)
Anbei schicke ich dir noch ein paar Bilder von unterwegs, damit du deine Berichte verziehen kannst.

Lieber Tom, sei aufs Herzlichste gegrüßt und hab's gut!

Anne und die restlichen Halunken.

PS: Svens neuer Motor läuft wie Schnitzel! :-D


Nach dem Kaffe ging's dann an die besagten Zündprobleme. Allen voran macht Johannes' Ural mächtig Ärger. Nach einem Telefonat – nicht einfach, per Telefon einen technischen Fehler zu finden – und dem systematischen Ausschließen von Fehlerquellen kann ein defekter Kondensator ausgemacht werden. Starker Kontakt-Abbrand und Funkenschlag sind klare Indizien. Zur Sicherheit soll aber eine elektronische Zündung aus der berühmten Reservekiste verbaut werden.



Endlich! Das Schwarze Meer
(© Leavinghomefunktion)


12.10.2014: Wasser im System

Oh! Das Telefon klingelt! Was ist denn heute kaputt? Nach kurzer Klärung der Lage – alle wohlauf, man ist in Georgien, es regnet in Strömen – geht es wieder um Ferndiagnosen. Diesmal ist es ein klein wenig schwieriger, der Verdacht fällt aber erneut auf die Zündung. Es hat Elle erwischt.

Der Motor läuft im Leerlauf tadellos, springt sofort an, kommt aber nicht auf Drehzahl. Vergaser bereits überprüft ... Hmmm ... Hat es nicht geregnet? Ja ... Und das vordere Schutzblech fehlt? Ja ...
Ganz offensichtlich harmlos: Wasser in der Zündung.

Ich habe langsam die leise Hoffnung, dass die schlimmsten Probleme behoben sind und nun die Phase mit den ewigen Kleinigkeiten kommt, die ein Uralfahrer als ständigen Begleiter akzeptieren muss.


16.10.2014: Zündung die Dritte

»Der Motor läuft nur auf einem Zylinder, springt aber tadellos an. Wir haben schon die Vergaser getauscht. Das hat aber nichts gebracht.« Lisa ist ratlos. Es wurde aber auch langsam Zeit, dass an ihrer Karre etwas kaputt geht! Man darf nicht vergessen: Ihre Ural ist die preiswerteste aus dem Fünfer-Set, und noch immer im »Werkszustand«!
Unnötig, es zu erwähnen: Kompression auf beiden Seiten vorhanden, Vergaser o.k., Zündung grundsätzlich auch ... Der Boxermotor zündet ja auf beiden Zylindern gleichzeitig – wenn einer läuft, kann es also nicht an der Steuerung oder an der Spule liegen. Sondern eher am Kabel, an der Kerze oder am Stecker.
Wie ich später erfahre, war es die Kerze!


21.11.2014: Was bisher geschah - eine Zusammenfassung



Bilder von der Reise: Durch den wilden Kaukasus (© Leavinghomefunktion)


Hurra! Eine laaange E-Mail von unseren Abenteurern. Mit ausführlichem Report über die bisherigen Pannen. Man erwartet derer ja viele, wenn man mit russischen Gespannen unterwegs ist. Aber wir wollen nicht vergessen, dass bisher 5500 Kilometer abgespult wordenn sind. Über teilweise unwegsame Straßen. Und mit alten, gebrauchten Maschinen. Dafür hält es sich – so unsere Meinung – durchaus in Grenzen. Hier der Original-Text. Besser kann man es nicht zusammenfassen:

Kilometer 5500 //// Ankunft im Winterlager

Bilanz //// 1:0 für uns
Gegner //// Regen, Kälte, Pannen, Nerven, Wege des Zorns, Durchfall, Grenzkontrollen, Wölfe, Radlager, Getriebe & Co.
Lagebericht der letzten zwei Monate


/////////// Jetzt heißt es: Holz, Internet und Nahrungsvorrat besorgen ///////////

Noch nicht ganz, denn was momentan viel akuter ist, sind die Magenattacken, die sich bei seit zwei Tagen eingeschlichen haben, uns in die Waagerechte zwingen und mit Kamillentee und Salzstangen bekämpft werden müssen. Während die Erkrankung Sven als ersten schon während der Reise ab und an aus unserem nächtlichen Zeltlager raus in die Büsche zwang, ließ der eigentlich harmlose Virus beim Rest von uns immerhin noch so lange auf sich warten, bis ein gut ausgebautes Klo zugegen war.
Ein Klo, ein warmer Ofen, ein paar Matratzen zum Schlafen und vor allem einen sicheren Unterstand zum Schrauben an den Motorrädern – das waren die Anforderungen an unser Winterlager, auf dessen Suche wir uns in den letzten zwei Wochen befanden. Unsere Vorstellungen, was alles als Winterlager dienen könnte gingen auseinander: Sie reichten von einer ausrangierten, leerstehenden Tankstelle über eine Schrauber-Werkstatt, einen alten Bunker bis zu einem Gemüsestand, den wir hätten umfunktionieren können. Also, wir waren für alles offen.
Und so streiften wir recht ziel- und planlos durch Georgien, verbrachten einige Tage auf 2800m Höhe im Kaukasus, schliefen wie meist im Freien und lauschten den nächtlichen Geräuschen der Bergwelt. Wir beschlossen, weiter Richtung Osten zu fahren. Ein schönes, uriges Gebiet rund um Telavi wurde uns empfohlen – das sollten wir uns anschauen.



Gruppenfoto (© Leavinghomefunktion)

Nur gestoppt durch die eine oder andere »Ungereimtheit« unserer fahrenden Untersätze zogen wir unsere Bahnen. Auf einer Höhe von etwa 1400m über dem Meeresspiegel fingen die Mikuni-Vergaser an zu spinnen, musste ich feststellen als die Motorleistung mit jedem weiteren Höhenmeter abnahm. Das Luft-Sauerstoff-Gemisch verändert sich bei zunehmender Höhe und die Vergasereinstellung müsste dem eigentlich angepasst werden. Doch da das Drehen an der Luftschraube und die damit verbundene Veränderung am Gemisch ein heikles Thema ist, bin ich vorsichtig gewesen. Wurde sie doch zuvor des Öfteren und fälschlicher Weise als Ursprung so manchen Übels betrachtet und in grenzenloser Unwissenheit hilflos rein und raus gedreht!
Den originalen K65 Vergasern schien das alles nichts auszumachen und so beschloss ich, einfach nichts zu verändern und die nachlassende Leistung in Kauf zu nehmen. (fehlt noch: Video #1 Berge)
Bei unseren zahlreichen Stopps an verschiedenen Tankstellen versuchten wir mit den Leuten zu kommunizieren, deren Aufmerksamkeit durch die Maschinen rasch auf uns gezogen wurde. Wir fragten Polizisten in unserem mageren Russisch nach Möglichkeiten zum Überwintern und gelangten schließlich an die Uni einer kleinen Stadt namens Gurjaani am Fuße des Kaukasus östlich der Hauptstadt Tbilisi. Dort erhofften wir uns Hilfe: Vielleicht jemand der Englisch spricht und Elisabeth und Anne mit ihren spärlichen Russischkenntnissen entlasten könnte? Jemand, dem es möglich wäre, unser Anliegen zu erklären; der die Gegend kannte und die Leute verstand ...
Wie es schien, gibt es leerstehende Häuser im Überfluss – jedes dritte Haus scheint zumindest ein oder zwei unbewohnte Etagen zu besitzen – es haperte also nicht am Platz. Schwierigkeiten gab es allein bei der Kommunikation unseres Bedürfnisses. Wir wollten keine Bleibe für fünf Tage, kein Hotel, kein Gästehaus! Wir sind auf der Suche nach einer Bleibe, in der wir arbeiten können und wir brauchen sie schnell und für fünf Monate!

Zufällige Begegnungen sind die besten und so kam es in Gurjaani zu unserer ersten Hausbesichtigung. Bei einem kurzen Stopp vor einer Backstube am Rande der Stadt und einem fixen Reifenwechsel bei Svens Motorrad – »Herrn Spangenberg« –, bei dem hiesiges Personal zu Hilfe gezogen wurde, ergab sich die Gelegenheit, der sich schnell versammelnden Gruppe Einheimischer im gebrochenen Russisch unser Anliegen kundzutun.



Georgische Werkstatt (© Leavinghomefunktion)

Lisa, Johannes und Sven – stets auf der Suche nach neuen Kniffen und Tricks – schauten dem alten, krausen Menschen mit seinem großen Hammer beim Reifenwechsel über die Schulter. In der Zwischenzeit versuchten sich Anne und Elisabeth vor der Backstube weiter in Sachen Unterkunft und trautes Heim. Und siehe da: Nach ein paar für uns unverständlichen, untereinander gemurmelten Sätzen, wurde ein Handy gezückt und wir bekamen unsere erste Hausbesichtigung auf georgischem Boden organisiert.
Ein alter, schwarzer Mercedes hielt etwa zehn Minuten nach dem Telefonat in der staubigen Einfahrt der Backstube. Der aussteigende Herr – ein kleiner, freundlich dreinschauender Typ Anfang 60 – gab uns zu verstehen, uns in sein Auto zu begeben.
Eine Fahrt durch die Randviertel der Stadt auf engen Straßen ohne Asphaltdecke, gesäumt von schief stehenden, rostigen Zäunen und kläffenden Hunden, herumlaufenden Hühnern und Kühen, führte uns immer bergauf.
Nach zehn Minuten hielt der Wagen in einer von Gras zugewachsenen Einfahrt vor einem einstöckigen, leicht eingewachsenen Gebäude mit Garten. Das Haus unterschied sich nicht sonderlich von anderen am Wegesrand, es war eines dieser nach georgischem Stil leicht provisorisch anmutenden Bauwerke mit Wellblechdach, Holzvertäfelung und eingefallenem Gartenzaun.
Jeder Zentimeter des Gartens wurde genutzt, um Essbares anzubauen. Der optische Eindruck spielte dabei eine untergeordnete Rolle und so hatte es für uns seinen eigenen Charme.
Der Garten – gefüllt mit Wein, einem Kakibaum und Resten bereits abgeernteter Beete – begrenzte das Gebäude zur einen Seite. Jenseits des Zaunes reihten sich leerstehend Grundstücke aneinander und ließen die gesamte Gegend recht grün und ruhig wirken.
Das Haus selbst war ebenso rein praktischer Natur: Es gab ein winziges Bad, was durch einen Gartenschlauch mit fließend Wasser versorgt wurde. Die Zimmer waren nicht größer als 10qm und wirkten durch ihre ungeputzten Fenster mit den staubigen Gardinen und der vergilbten Tapete recht düster. Die spärliche Einrichtung der Räume mit Betten auf alten Metallgestellen, einer zersessenen Couch und einer Schrankwand, strahlte eine Art Gemütlichkeit aus wie manch einer sie noch aus Kindertagen beim Besuch der Großeltern kennt. Dieser Eindruck wurde durch die vielen Einweckgläser und Emaillie-Schüsseln noch verstärkt.
Im dem Raum, der als Wohnstube genutzt wurde, stand ein eiserner Ofen, der gut bestückt wohl ausgereicht hätte, das halbe Haus zu heizen.
Bei unserer Entdeckungstour wirbelten wir wie wild durcheinander, was den uns begleitenden Besitzer aber in keinster Weise zu stören schien.
Eigentlich war es perfekt! Sollte es das sein? Das erste Haus, was wir uns angeschaut haben?

Neben der spontanen Methode, Menschen einfach auf der Straße anzusprechen, versuchten wir ebenfalls, über Freunde und Bekannte von unserer letzten Georgien-Reise an ein paar Angebote zu kommen. So kam genau in dem Moment des großen Grübelns und der Unschlüssigkeit über »Winterlager 1« die Nachricht eines guten Freundes aus der Hauptstadt Tbilisi. Er hatte sich ein wenig umgehört und im Internet ein wohl passendes Objekt gefunden: ein Sommerhaus mit 200qm Wohnfläche für umgerechnet 250 Euro im Monat. Es Haus lag etwa 100km von Gurjaani entfernt, zurück Richtung Westen am Rande der Hauptstadt und ebenso am Fuß des Kaukasus. Ok! Einstimmig beschlossen wir, noch ein paar Bleiben zu beleuchten und uns erst dann zu entscheiden.
Es wurde langsam kalt, Regen und Wind machten die Fahrt zurück zu einem nadelstichigem, nassen Unterfangen.

Die letzte Nacht im Freien war uns nicht bewusst als solche. Auf einem kleinen Hügel neben der Straße spannten wir unser Dach in einem Kiefernwäldchen. Trotz Regen entfachten wir ein spärliches Feuer. Es war nicht mehr zu ignorieren: Die sommerlich anmutenden Tage waren zu Ende und der Herbst zeigte sich von seiner ungemütlichen Seite.

Nach dem Aufstehen und dem Zusammenrollen unseres Gepäcks in mittlerweile gewohnter, fast choreografisch-einstudierter Manier, machten wir uns wieder auf den Weg.
Die letzten 50 km dieser Etappe führten uns durch eine unbewaldete, hügelige Landschaft, vorbei an Dörfern, die nach ihren Verkaufsständen am Straßenrand zu urteilen, eine jeweils eigene kulinarische Ausrichtung hatten. Waren die Stände des einen mit Tomaten, Gurken und selbstgemachten Marmeladen und Honig bestückt, sah man im nächsten schwere, große Schweinehälften, angebunden an die Dachbalken der Behilfslädchen. Je nach Bedarf konnte man sich die ausgesuchten Stücke direkt rausschneiden lassen.
Die Fahrt verlief ohne erwähnenswerte Stopps und wir erreichten pünktlich den ausgemachten Treffpunkt. Alex, der uns als Einheimischer begleiten sollte und den Kontakt zu den Hausbesitzern herstellte, kam nach einer Weile bei uns an und gesellte sich zu Johannes in den Seitenwagen.
Wir machten uns auf den Weg in das kleine Örtchen Tserovani am Fuße der Berge.
Eine Irrfahrt über holprige Straßen. Später standen wir begleitet von einem georgischen Pärchen im Garten eines dreistöckigen Wohnhauses mit Balkon.

Die Entscheidung fiel recht schnell. Hier ist es gemütlich, wir haben eine gute Anbindung zum Ersatzteilmarkt in Tbilisi und der kleine Schuppen im Garten wird unsere Werkstatt werden.
Handschlag mit dem Besitzer, ein paar Formalitäten ... und wir hatten eine Bleibe gefunden! Hier konnten wir die Karren in den Garten fahren, den Ofen anwerfen, und raus aus der Nässe.

Das Winterlager ist perfekt

Wir haben es geschafft – die erste Etappe – 5500 km auf den alten Schüsseln bis hier her! Es hat uns fast zwei Monate gekostet, die sich aber alle gelohnt haben und in denen wir nicht nur das Material unter unserem Hintern, sondern auch unsere Strapazierfähigkeit auf die Probe gestellt, unsere Geduld und unsere bescheidenen Mechaniker-Fähigkeiten um ein Vielfaches erweitert haben.
Nach unserer hektischen Verabschiedung in Halle von Freunden und Bekannten – noch unter der Mechaniker-Aufsicht von Tom, unserem Telefonjoker, der uns die ersten 200 km mit seinem alten Steyr bei jedem Absaufen-Lassen der Karren den Rücken freihielt – wackelten wir unsicher doch zielstrebig los.


Der Plan sieht vor:

Start // 07.09.2025 in Halle Büschdorfer Straße 2
Erste Etappe // Einmal über der russische Grenze wegen der Visa, Stempel abholen und zurück nach Georgien
Winterlager 1 // Im georgischen Kaukasus (irgendwo) – Vorbereitung der nächsten Etappe bis März 2015
Zweite Etappe // Fahrt von Georgien bis zur Beringstraße, dann rüber und weiter durch Alaska
Winterlager 2 // Winterlager Alaska oder Kanada; September 2015 bis März 2016
Dritte Etappe // Ab nach New York! Über LA; März 2016 bis August 2016

Uns war bewusst, dass wir alle blutige Anfänger im Umgang mit Motorrädern sind, dass wir bei jedem Griff in den Werkzeugkasten erst alle Schlüssel heraus nehmen müssen, um erst nach reichlich Gewühle den 10er zu finden. Dass es zu den größten Verwirrungen kommt, wenn sich das Eindrehen der Vorderachse in die Gabel auch nicht mit Gewalt bewerkstelligen lässt und sich erst nach Minuten schweißtreibenden Kampfes das vermeintliche Rechtsgewinde als Linksgewinde entpuppt.

So war diese erste Etappe dafür gedacht, uns von unserer Unwissenheit zu befreien und einen kleinen Einblick zu bekommen, was ein altes russisches Ural-Gespann mit Seitenwagen eigentlich ist. Selbiges – wir kannten es nur von Toms Erzählungen – wollten wir testen: Was es kann, was es aushält und in wie weit es das richtige Gefährt für unser Vorhaben ist.
Vor allem wollten wir es aber selber reparieren können. Und das heißt vor allem, viel Geduld haben, denn es gilt nicht nur die eigene Karre am Laufen zu halten, sondern gleich fünf »rollende Schwachstellen« gleichzeitig zu beherrschen! Wenn eine steht, stehen alle!

Beim ersten Teil der Strecke bewegten wir uns noch durch Ländern wie Ungarn, Bulgarien oder Griechenland – Länder, in denen wir uns nötigenfalls mit Englisch weiterhelfen konnten – Gegenden, in denen es ein Netz aus Schraubern gibt, Mechaniker, die sich speziell auf Zweiräder spezialisiert haben (und keine Bulldozer-reparierenden Schwergewichte, die sich nur unter dem Umstand fehlender Alternativen als das fachkräftige Personal erweisen, das wir zu Rate ziehen müssen).



Werkstatt #1 (© Leavinghomefunktion)

Nein – vorerst können wir uns noch Fehler erlauben – hier kann nicht viel schief gehen, denn zur Not haben wir Tom, der sich geduldig unsere Schilderungen der Lage am Telefon anhört und uns per Ferndiagnose Anweisungen zur Wiederinstandsetzung gibt.


Er erklärte uns, dass wir bei fehlendem Zündfunken nicht zuerst die Lichtmaschine auseinander bauen sollen, dass nicht immer der Vergaser die Ursache für ein schlechtes Anspringen ist ... oder einfach, dass nicht jeder Kolben in jeden Zylinder passt. Schlichtweg: ohne ihn hätten wir es wahrscheinlich nie bis hierhin geschafft, wahrscheinlich ständen wir heute noch frierend irgendwo an der serbisch-bulgarischen Grenze.

Nach der Auswertung unserer Pannenliste steht fest, dass die meisten Probleme mit den Motorrädern von uns selbst verursacht worden sind. Nicht richtig festgezogene oder nicht mit Loctite versiegelte Schrauben, die sich während der Fahrt locker gerüttelt haben oder falsch eingelegte Bowdenzüge waren meist der Grund für ausgiebige Stopps.
Wobei an dieser Stelle noch mal betont werden muss, dass wir mit gebrauchten russischen Ural-Motorrädern unterwegs sind, was bedeutet, dass man noch eine Menge selber zu machen kann, an der Maschine. Es gibt keine Ölkontrolllampe und sie lecken ständig irgendwo. Und es gibt keine Anzeige für den Luftdruck der Reifen, der irgendwo zwischen 1,5 und 3bar liegen sollte. Es gibt dort einiges zu Warten und zu Pflegen während der Reise, wobei die Präszision eines alten russischen Motorrads eben die Präszision eines alten russischen Motorrads ist.

Erste Etappe /// Hausgemachter Pannenreport

Hausgemachte Fehler
 
  Folgen und Maßnahmen
 
Zündkerze locker   Kolbenschaden mit Loch / Wechsel #1
beim Einbau zerstörter Ölabstreifring   Kolbenwechsel #2 (beidseitig)
Getriebe vermurkst beim Auseinanderbauen   Weiterfahrt mit Ersatzgetriebe – Reparatur steht noch aus
4 x Zündung über Nacht angelassen   Batterie leer – Anschieben, überbrücken, fluchen und weiter
Beiwagenrad blockiert wegen verwechselter Unterlegscheibe   Sich-an-den-Kopf-fassen und umtauschen
Hinterradbremsen-Einstellschraube sinnlos weit rein gedreht   Kochen des Öls im Endantrieb – Dichtung gewechselt
Mitnehmer der elektrischen Zündanlage ausgeschlagen, wegen falschen Einbaus   Unterlegscheibe weg und wieder rein
Getriebeöl läuft aus, wegen nicht angezogener Schrauben   diesmal extra fest
Gänge verstellt, beim täglichen Schrauben-Nachziehen   zweiter Gang springt raus – noch nicht behoben
Luft-Ansaugschlauch mit Bitumen geflickt   schöne Sauerei – Vergaser säubern und später neuen Schlauch einsetzen




Unteransicht-Ansaugluftschlauch (© Leavinghomefunktion)



Getriebeeinbau (© Leavinghomefunktion)



Hände im Getriebeöl (© Leavinghomefunktion)



Aber wie gesagt, das ist gut so und so war der Plan. Testen und möglichst strapazieren, Schwachstellen finden und das Material bis an die Grenzen bringen. So gab es für uns keine Wege, die zu steil, zu matschig oder zu sandig waren. Irgendwie drüber, runter oder hoch, zur Not wird mit der alten Winde gekurbelt – Hauptsache geschafft!

Am Fuße des Kaukasus – am zweitgrößten Stausee Georgiens, der Stromversorgung der Hauptstadt Tbilisi – wurde uns eine Lektion in Sachen »auf nassem Boden steil bergauf fahren« erteilt.
Der holprigen, unbefestigten Straße rund um den riesigen Stausee folgend, ging langsam die Sonne unter und signalisierte uns, dass es Zeit wurde, sich für die Nacht ein Lager zu suchen. Also versuchten wir das circa 100 m unter uns liegende Ufer zu erreichen. Eine Einfahrt – oder besser gesagt eine Schneise –, die sich uns nach einer Weile bot, hielten wir für passabel und machbar. Also los und runter!
Gesagt und Gas gegeben. Runter ging super – es polterte ein wenig, wirbelte das aufgesattelte Gepäck etwas hin und her; wir rutschten ein wenig aber letztendlich ging es ohne Probleme.
Unten erwartete uns ein kleiner etwa 20 m breiter Uferstreifen, der eine halbwegs gerade Ebene bildete und das Wasser von der felsigen Böschung trennte. Er sollte ausreichen, um uns ausgestreckt in die Waagerechte zu begeben und ein kleines Feuer anzuwerfen.
Wir parkten die Karren in atemberaubender Schräglage am Hang und gesellten uns ans Feuer, um uns in allabendlich gemütlicher Runde etwas Essbares einzuverleiben.

Die Nacht verlief ruhig und entspannt. So kam der morgendliche Aufschrei umso überraschender, als wir feststellen mussten, dass der Vorrat an Zigaretten und Kaffee soweit aufgebraucht war, dass wir unmöglich den Vormittag überstehen würden!
Also schnell los! Zwei von uns machten sich mit ihren vom schweren Gepäck befreiten Maschinen auf den Weg zum nächsten Örtchen. »Herr Spangenberg« – ja gut ausgestattet mit neuen Motor, wohl das Motorrad mit der besten Kondition – und »Susanne Schweppches« – das Motorrad, welches bis jetzt die wenigsten Probleme bereitet hatte und außerdem Trägerin einer 20-m-Seilwinde ist – waren die auserwählten Motorräder, den steilen Weg bergauf als erstes zu meistern.

Schon die ersten Meter hatten es in sich. Es galt, eine gewaltige Bodenwelle zu überwinden, die in Anbetracht der Schräglage die Gefahr des nach links Kippens erheblich steigerte. Eine fast stehende und weit nach rechts geneigte Körperhaltung, gepaart mit weit aufgezogenem Gas, erwies sich als richtige Entscheidung und führte zum ersten Erfolg. Nach den überstandenen ersten 50 m kam die erste Kurve und empfing uns mit matschigem, am Boden liegenden Herbstlaub. Wohlwissend, dass jedes Stoppen des sich schon durchdrehenden Rades auf diesem matschigem Untergrund einen unweigerlichen Stopp der Bergauffahrt nach sich ziehen würde, gaben wir einfach nur Gas.
Recht unkontrolliert, geschoben vom Antrieb des Hinterrades, bahnte sich das Vorderrad seinen Weg mehr durch als über den feuchten Untergrund. Nur mit Mühe war es möglich, dem nach rechts ziehenden Beiwagen durch Lenkbewegungen nach links entgegenzuwirken.

Doch es gelang und wir konnten die steile Fahrt bergauf fortsetzen.
Dicht hintereinander bahnten wir uns den Weg durch das Dickicht, wobei die auf den Weg ragenden Äste wie Fangarme nach uns griffen. Es war unmöglich ihnen auszuweichen, wollten wir nicht unsere anvisierte Spur verlieren.
Im nächsten Abschnitt – eine etwa 20 m lange Steigung – gab es einen kleinen, jetzt trockenen Flusslauf, in dem Wasser tiefe Furchen geschnitten hatte. Stellenweise gefüllt mit Geröll, schlängelte er sich ein Stück entlang des Weges, um dann nach rechts den Abhang runter zu laufen. Mit dem Vorderrad da hinein zu fahren würde bedeuten, dass sich das gesamte Motorrad wie auf Schienen bewegte und es unmöglich wäre, zu manövrieren.
So versuchten wir, uns so lange links zu halten, bis sich eine geeignete Stelle bot, den Flusslauf quer zur Laufrichtung zu überwinden. Mit durchdrehenden Reifen und dem Gestank des sich an den Steinen abwetzenden Gummis bewegte sich das Motorrad ächzend durch die Senke und wieder hinauf, bis die Steigung etwas nachließ und sich eine Gelegenheit bot, der am Gasgriff verkrampften Hand eine Pause zu gönnen.
Es folgte ein leichterer Abschnitt, der genügte, die Maschinen in ordentlich Fahrt zu versetzen. Er endete in einer scharfen Rechtskurve. Von dort führte der Weg wieder steiler, über eine etwa fünf Meter lange Strecke bis auf eine Kuppe.
Wegen der Rechtskurve konnte ich den Schwung nicht nutzen um die Steigung zu meistern und so verringerte sich die Geschwindigkeit der Fahrt sowei, dass sich bei zunehmender Steigung das Hinterrad immer weiter in den Matsch grub, das Vorderrad ins Schlingern kam und sich Susanne Schweppches mit einem Ruck quer zur Fahrbahn stellte!
Das war es dann ... Unmöglich, bei dieser Steigung wieder anzufahren, von griffigem Boden keine Spur. Vergebens versuchte ich, die Maschine nach hinten, nach vorne, nach rechts oder links zu bewegen. Auch zu zweit: keine Chance! Noch frohen Mutes leierten wir das Seil der Seilwinde von der Kurbel und freuten uns auf ihren ersten richtigen Einsatz ... als ein junger Fischer in Gummistiefeln und in Tarnkleidung den Weg herunterstiefelte. Er erkannte unser Problem und packte mit an. Wir zerrten und schoben mit all unseren Kräften, doch auch zu dritt wurde es ein äußerst anstrengender Akt und erst nach zwei Stunden standen beide Maschinen wieder auf halbwegs befestigtem Weg, oberhalb unseres Nachtlagers.

Das Ganze dann noch dreimal und mit vollem Gepäck, das konnten wir auch dem Fischer nicht zumuten! Geschweige denn, dass unsere Kraftressourcen ausgereicht hätten, um dies an einem Tag zu bewerkstelligen.

Hilfe kam nach unserer Rückkehr aus dem Ort, in Form einer kleinen Gruppe polnischer Jugendlicher, die sich auf ihrer Jeep-Rundfahrt durch Georgien ebenfalls diesen üblen Weg heruntertrauten.
Mit ihrem Allrad-Jeep boten sie sich an, Zugpferd für die verbleibenden Motorräder zu spielen. Angebunden ans Abschleppseil wurde die Auffahrt der drei verbleibenden Motorräder zu einem weniger kräftezehrenden Unterfangen. Am Steuer glich die Fahrt mehr einer Fahrt mit der Achterbahn, als das Fahren eines Motorrades.



Am Haken (© Leavinghomefunktion)

Im Laufe unserer weiteren Reise durch Georgien kam uns übrigens eine Vielzahl Jeep-Reisender entgegen, die das Land gerade wegen dessen abenteuerlicher Huckelpisten zu schätzen wissen.
Die meisten – auch die auf der Karte als regulären Straßen verzeichneten – Wege sind nicht asphaltiert und lassen einem verwöhnten Mitteleuropäer die Plomben in den Zähnen klappern. Auch den Maschinen macht das ganz schön zu schaffen. Schrauben rüttelten sich los, die Schutzbleche fangen an, Risse zu bekommen und klirrend verabschieden sich die Speichen.
Zuerst machten sich die Teile auf und davon, die nicht original ab Werk an einer Ural 650 verbaut worden waren. Bei Elisabeths vom Vorbesitzer eigenmächtig zusammengestellten Ural waren die meisten Teile flüchtig. Schwer von Lepra getroffen, hatte sich das Schutzblech von dannen gemacht, was auch den Gepäckträger ermutigte, es ihm gleich zu tun. Eine Schraube in Lisas Lichtmaschine hatte sich ebenfalls gelockert und wahrscheinlich ein paar Kontakte überbrückt, was dazu führte, dass der Regler »Adieu« sagte.

Wackel und Rüttelschäden//:

Rüttelschäden
 
  Folgen und Maßnahmen
 
Halteschraube des Ganghebels im Getriebe abgefallen   Getriebe auf, Schraube dran ... Gänge falsch ... erneut Getriebewechsel
Tank gerissen   Explodiert – ach ne – epoxiliert
Kanister-Halterung u. Kanister weggeflogen   Kanister aufsammeln und anderweitig verstauen
wichtige Mutter für Beiwagen-Halterung weg   nicht im Sortiment, deshalb weiterfahren und bis zur nächsten Werkstatt nicht daran denken
2x Gepäckträger-Halterung u. Gepäck ab    einsammeln, neu und wieder dran
Batteriehalterung verloren   ganz klar: Kabelbinder!
Schutzblech ab   wieder ran, wieder ab, wieder ran ... schweißen = besser!
Auspuffhalterung ab   wieder ran und weiter
diverse Elektoverbindungen ab   suchen, finden und vertüddeln
3x Ansaugluftschlauch ab   halben Tag fahren, bis zum Realisieren – wieder dran
Vergaser abgerissen   Staunen und wieder dran
3x Hauptschalter Stromversorgung kaputt   ersetzen ... und auf ein Neues
Zündschloss defekt   Wackler durch Wackeln beheben
Sicherheitsschraube Vorderachse fort   neue Schraube, neues Glück




Holperstraßen (© Leavinghomefunktion)



Schaltplan (© Leavinghomefunktion)



Sven und Johannes in der Werkstatt (© Leavinghomefunktion)

Trotz all der Pannen, der vielen Momente, in denen es uns buchstäblich bis zum Halse stand, sind wir jetzt am Ende der ersten Etappe angelangt. Es gab Momente auf der Reise, wo uns dies als unwirkliches Ziel in weiter, unerreichbarer Ferne erschien. Tage, an denen unser kleiner Konvoi alle zwanzig Kilometer zum Stehen kam, Tage in denen Sven irgendwann einmal aufgehört hat, zu zählen, wie oft er sein Beiwagen-Verdeck öffnete um die Werkzeugkiste ein weiteres Mal zu lüften.

Naja, es war und es ist aufregend. Und jetzt heißt es, Gelerntes, Erfahrenes zu nehmen und auf dieser Basis in unserer kleinen Werkstatt die nächste Etappe vorzubereiten. Ohne die Hilfe der vielen Unterstützer hätten wir das wahrscheinlich nie geschafft und deshalb an dieser Stelle eine großen Dank an alle.

So versuchen wir in unserer Werkstatt alles Menschenmögliche und sind unentwegt dabei, kleine aber wichtige Verbesserungen an den Maschinen durchzuführen. Auf, dass sich die Fehler der ersten Etappe nicht in der zweiten Etappe wiederholen.

So werden wir Euch auf dem Laufenden halten, was wir im Kämmerchen zusammenbrutzeln und wahrscheinlich mit der einen oder anderen Frage, bei der wir einfach nicht weiter wissen, an Euch herantreten. Denn es gilt den schwierigsten Teil der Reise – die Fahrt durch Sibirien – die Überquerung der Beringstraße und die Fahrt durch Alaska vorzubereiten.
Den »Eisernen Hintern« (das Fahren auf einer Ural von 1000 km am Stück) haben wir uns bis jetzt noch nicht verdient. Doch was nicht ist, kann noch kommen.